

Gustav Heinrich Wilhelm Ludwig Kleßmann (* 18. Februar 1893 in Nordhorn bei Gütersloh; † 15. Februar 1974 in Lemgo), Chirurg und langjähriger Chefarzt des Krankenhauses Lemgo.
Eltern
Seine Eltern waren der Landwirt Heinrich Kleßmann (1858–1925) und Anna Maria Lörpabel (1867–1955), eine Tochter des Landwirts Wilhelm Loerpabel (1831–1918).
Nach der Volksschule wechselte er zu Ostern 1904 zum Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh.
Im August 1911 brannte der Hof und die Wirtschaftsgebäude durch einen Blitzschlag ab. Seine Vater beauftragte den Unterprimaner (heute: 12. Klasse), eine Urkunde für den notwendigen Grundstein zu schreiben. Er beschrieb ausführlich den Brand, listete den Viehbestand auf und benannte alle Familienangehörigen des Hofs.
Er legte Ostern 1913 das Abitur ab – der erste Abiturient in der Familie. Um seine Wehrpflicht zu absolvieren, meldete er sich als Einjährig-Freiwilliger beim 2. Badischen Grenadier-Regiment „Kaiser Wilhelm I." Nr. 110.
Anschließend schrieb er sich an der Universität Heidelberg für ein Medizinstudium ein, doch einige Monate später begann der Erste Weltkrieg. Er wurde als Sanitäter eingezogen und war an der Westfront und in Rumänien eingesetzt. Ihm wurde das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen.
Nach dem Krieg setzte er das Medizinstudium fort und schloß sich dem studentischen Wingolfsbund an. Als ältester Sohn kümmerte er sich auch um seine zwei jüngeren Schwestern Marie (1897–1992) und Frida (1901–1990), die „unter die Haube" kommen sollten. Zwei Kommilitonen – und Vettern der Familie Hammel – waren interessiert, zunächst heiratete 1921 Erich Brummert (1893–1978) in Gütersloh, zwei Jahre später Heinrich Dehnen (1896–1965).
Am 23. August 1920 wurde er an der Universität Marburg mit dem Thema „Das Labienödem im Wochenbett“ promoviert, sein Doktorvater war der Gynäkologe Wilhelm Zangemeister (1871–1930). Anschließend erhielt er als Arzt eine Stelle bei den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld.
Heirat
Am 8. August 1921 heiratete er die bereits verwitwete Käthe Westheermann (1894–1962) in der Alten Kirche (heute: Apostelkirche) in Gütersloh. Sie kannten sich schon als Kinder aus der Nachbarschaft in Nordhorn.
Da ihm im September 1923 eine Arztstelle in der Wolff'schen Stiftung in Lemgo angeboten worden war, zog die kleine Familie – mit der damals siebenjährigen Tochter aus der ersten Ehe seiner Frau – nach Lemgo. Sie bezogen eine Mietwohnung in der Mittelstraße 80. Nach einem halben Jahr wurde er zum Direktor der Krankenhauses und Chefarzt der Chirurgischen Abteilung ernannt.
Haus Slavertorwall 15
Nach dem Tod seines Schwiegervaters August Westheermann (1868–1925) konnte er durch dessen Erbe ein Grundstück am Wall erwerben, er beauftragte daher den Lemgoer Architekten Ernst Pethig (1892–1956), ein Wohnhaus für die Familie mit einer integrierten Arztpraxis zu errichten.
Pethig folgte der damaligen Bauhaus-Architektur. Am 1. Dezember 1931 konnte die Familie einziehen. Inzwischen wurde das Haus in der Liste der Baudenkmäle in Lemgo eingetragen.
Seine Schwester Marie machte ihm 1937 ein Geschenk: Ein Leporello mit einem handschriftlichen Stammbaum der Familien Kleßmann und Lörpabel, Titel: Meine Sippe. Sie hatte den Gütersloher Standesbeamten beauftragt. Eingetragen wurden als älteste Personen der Kolon Peter Kleßmann (1814–1885) und seine Frau Johanne Zurmühlen (1819–1890) sowie der Kolon Wilhelm Loerpabel (1831–1918) und seine Frau Catharine Wilhelmine Niederfahrenhorst (1828–1878). Das Leporello zeigt also seine Großeltern und die Nachkommen.
Er beantragte am 26. Juni 1937 die Aufnahme in die NSDAP, rückwirkend genehmigte die Partei seinen Antrag am 1. Mai 1937: Mitgliedsnr. 5.296.433.
Im Zweiten Weltkrieg wurde er zwar eingezogen, blieb aber weiterhin als Oberfeldarzt Chefarzt des Krankenhauses, das später auch als Reserve-Lazarett diente. Er war dadurch nur an der „Heimatfront" tätig. Nur als sein ältester Sohn im November 1943 an der Ostfront bei Charkow schwer verwundet worden war, holte er diesen in Warschau ab und brachte ihn anschließend nach Lemgo in sein Krankenhaus.
Am 4. April 1945 rückte die 2. US-Panzerdivision in Lemgo ein, die Stadt Lemgo blieb überwiegend ohne Beschädigungen. Er musste sich nach einigen Wochen einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen und wurde schließlich von der britischen Militärregierung bestätigt. Allerdings wurde das Haus am Slavertorwall beschlagnahmt, da die Besatzung das Haus benötigte, die Familie musste in das Ärztehaus des Krankenhauses umziehen.
Später wurde das besetzte Haus wieder freigegeben, nach einigen notwendigen Reparaturen und Renovierungen konnte die Familie zurückkehren.
Anläßlich seines 60. Geburtstages wurde ihm 1953 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Am 30. September 1961 ging er nach eigenem Wunsch und nach 37 Jahren in den Ruhestand, obwohl er einen lebenslangen Vertrag der inzwischen aufgelösten Wolff'schen Stiftung bzw. des Krankenhauses Lemgo hatte. Die Praxis in seinem Haus betrieb er – etwas reduziert – weiterhin, überwiegend für die sogenannte kleine Chirurgie.
Acht Monaten später starb seine Ehefrau Käthe nach schwerer Krankheit mit 67 Jahren.
Bei seinem 80. Geburtstag waren alle seine 13 Enkelkinder und deren Eltern im Haus Slavertorwall. Ein Jahr später starb er und wurde auf dem Friedhof in der Rintelner Straße begraben, direkt gegenüber vom Friedhof auf der anderen Straßenseite war „sein" Krankenhaus.
Nach seiner Beerdigung beschlossen seine vier Kinder, jedes Jahr zu Pfingsten einen „Familientag" zu begehen, der nun seit 50 Jahren besteht.
Nachkommen
Das Ehepaar hatte drei Söhne, seine Ehefrau hatte aus der ersten Ehe eine Tochter, die er später adoptierte. Später bekannt wurden zwei Söhne: der Kunsthistoriker Rüdiger (1927–2020) und der Schriftsteller Eckart (* 1933).
Literatur
• Friedrich Fliedner: Festschrift zur Feier des 75jährigen Bestehens des Evangelisch-Stiftischen Gymnasiums zu Gütersloh und der Grundsteinlegung zum Gymnasialneubau am 16., 17. und 18. August 1926. Verlag F. Tigges, Gütersloh 1926, Seite 79, Nr. 1244.
• Dr. Gustav Kleßmann: Meine Sippe. Handschriftlicher Stammbaum, 1937.
• Eckart Kleßmann: Über dir Flügel gebreitet – Eine Kindheit 1933–1945. Aisthesis, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89528-633-9, S. 16–26.
• Burkhard Meier, Fred Salomon: Von der Wolffschen Stiftung zum Klinikum Lemgo – Ein Jahrhundert in Berichten, Bildern und Dokumenten. In: Beiträge zur Geschichte der Diakonie in Lippe, Band 3, Lemgo / Detmold 2000, ISBN 3-9806101-8-7, S. 75 ff.
• Marianne Bonney: Dienst am Kranken einst und jetzt. In: Lemgoer Hefte, 13/81, Lemgo 1981, S. 22–24.
• Dietrich Ellger, Karl Eugen Mummenhoff (Hrsg.): Stadt Lemgo. In: Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Band 49, Münster (Westfalen) 1983, S. 954 f.
Weblinks
• Dissertation Marburg 1920 (Nachweis über Eötvös-Lorand-Universität)
• Deutsche Digitale Bibliothek – Dr. Gustav Kleßmann
• Stiftung Eben-Ezer – Karl H. (1924–1945) – Sterilisation
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